August 05, 2020 by Qonto

Was bedeutet Reverse Charge?

Das Reverse Charge beschreibt eine besondere Regelung, die bei vielen grenzüberschreitenden Geschäften mit dem europäischen Ausland greift: Statt des leistenden Unternehmers muss der Leistungsempfänger die Umsatzsteuer an den Staat entrichten.

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Das Reverse Charge stellt eine besondere Regelung zur Umsatzsteuer dar, bei der sich die gewöhnliche Steuerschuldnerschaft umdreht:

Normalerweise werden leistende Unternehmer von ihren Kunden für in Rechnung gestellte Produkte oder Dienstleistungen inklusive Umsatzsteuer bezahlt und haben diese Steuer – gemindert um ihre eigene Vorsteuer aus betrieblichen Anschaffungen – regelmäßig an das Finanzamt abzuführen.

Beim Reverse-Charge-Verfahren schuldet dagegen nun der Kunde die Umsatzsteuer und muss sie an den Fiskus weiterleiten. Eine Abzugsberechtigung sorgt dann dafür, dass der neue Steuerschuldner die Zahlungen wiederum als Vorsteuer geltend machen darf.

Wen betrifft Reverse Charge?

Unternehmer, die ausschließlich im Inlandsgeschäft tätig sind, brauchen sich nicht weiter mit dem Verfahren des Reverse Charge, den Hintergründen oder den Regelungen beschäftigen. Sie sind nicht von der Regelung betroffen. Wer seine Leistungen aber nicht nur in Deutschland erbringt, wird bei vielen Geschäften mit Reverse Charge konfrontiert werden.

  • Bei Geschäften mit anderen Unternehmungen aus dem europäischen Ausland – speziell in der EU – gehört Reverse Charge zum täglichen Standard.
  • Außerdem ist es bei Werkleistungen für im Ausland ansässigen Kunden eine notwendige, verbreitete Praxis.
  • Das deutsche UStG oder Umsatzsteuergesetz beschränkt das Verfahren jedoch ausschließlich auf den B2B-Bereich.
  • Dort ist es zwar nicht grundsätzlich verpflichtend, aber in §13 UStG für eine ganze Reihe von Unternehmensleistungen fest vorgeschrieben.

Immer beachten – hier muss Reverse Charge angewandt werden

Bei Leistungen wie

  • Umsätzen nach dem Grunderwerbsteuergesetz, wenn nicht Umsatzsteuerfreiheit vereinbart wurde,
  • Bauleistungen aller Art,
  • Energielieferungen – zum Beispiel Gas oder Strom,
  • dem Emissionshandel,
  • der Lieferung von Altmetall oder anderen bestimmten Metallen aus der Anlage zum UStG
  • und genauso bei Gold von feinerer Qualität oder
  • Mobilfunktechnik und -geräten sowie anderen integrierten Schaltkreisen

ist die Anwendung von Reverse Charge zur Pflicht geworden.

Im Kern handelt es sich in diesen Fällen immer um Liefergeschäfte von Waren oder Zwischenprodukten, Hilfs- und Rohstoffen. Entscheidend ist dabei, dass die Lieferung mit einem Erwerb verbunden wird. Dieser Fokus kommt nicht von ungefähr: In diesem Bereich gab es jahrelang umfangreichen Steuerbetrug durch sogenannten Karusselbetrug.

Im Fall diesen Steuerbetrugs verschieben die Täter regelmäßig Lieferungen grenzüberschreitend im Kreis einiger Firmen. An einer Stelle kommt dann eine Pseudo-Unternehmung mit einem inländischen Weiterverkauf ins Spiel. Diese Transaktion berechtigt das nächste Betrugsunternehmen als Leistungsempfänger zwar zum Vorsteuerabzug beim Finanzamt, aber der Leistende zuvor mit der Steuerpflicht für den Umsatz verschwindet wieder vom Markt und führt folglich keine Umsatzsteuerzahlung mehr für die Transaktion ab. Dabei zirkulieren die gleichen Waren immer wieder zwischen den Unternehmen mit jeweils neuen Strohfirmen dazwischen und das Finanzamt wird bei allen Umläufen jedes Mal betrogen. Pro Jahr sollen so europaweit zeitweise Schäden im Bereich von 50 Milliarden Euro und mehr entstanden sein.

Das Verfahren des Reverse Charge verhindert das. Es führt Vor- und Umsatzsteuer bei einer Unternehmung zusammen. Wer Vorsteuerabzüge geltend machen will, muss hier zugleich die gezahlte Umsatzsteuer angeben und auf Nachfrage dokumentieren.

Die häufigsten Ausnahmen beim Reverse Charge

Ein Übergang der Steuerschuldnerschaft kommt nicht zustande

  • im Bereich der Personenbeförderung,
  • vor allem im Luftverkehr,
  • aber auch bei einer Rechnung für Restaurationsleistungen an Bord von Schiffen oder Zügen und
  • bei den Eintrittskarten für Messen und ähnliche Veranstaltungen im Inland.

Doch für Unternehmer wird es bei dem Verfahren auch schnell kompliziert. Denn was in Deutschland bindend oder frei ist, muss in anderen Nationen nicht identisch geregelt sein! Daher folgender Hinweis: Jeder, der europaweit seine Leistungen erbringt, sollte sich besser detaillierte Informationen zu den Definitionen und Regeln einzelner Länder suchen beziehungsweise sich beraten lassen.

Der Einblick in die steuerlichen Regelungen der Länder, mit denen man Handel betreibt, gehört zu den wichtigen Themen des Controllings und des umsichtigen und erfolgreichen Kostenmanagements eines Unternehmens. Es schreibt sich ein in eine ganze Reihe von Themenkomplexen wie beispielsweise der Kassenbericht bei Barzahlungen, die korrekte Abrechnung und das Absetzen von Fahrtkosten, die präzise Berechnung der Selbstkosten der angebotenen Waren oder Dienstleistungen oder die Frage der Ist- oder Sollversteuerung. Wer über diese Punkte Bescheid weiß, tut bereits einen ersten Schritt zu ausreichender Liquidität und zum Erfolg der eigenen Unternehmung

Für alle Unternehmer, die auch im Ausland außerhalb der EU tätig sind, werden außerdem Themen wie vorteilhafte Wechselkurse oder SWIFT-Überweisungen ins Ausland interessant. 

Kleinunternehmer

Unternehmer, die für sich die Kleinunternehmerregelung geltend machen, sind prinzipiell überhaupt nicht zum Ausweis von Umsatzsteuer berechtigt oder verpflichtet. Dennoch sind sie angehalten, Reverse Charge anzuwenden, sobald sie Geschäfte mit ausländischen Kunden machen. Die nationale Umsatzsteuerbefreiung macht eine Leistung nicht gleichzeitig in anderen Ländern frei von Umsatzsteuer beim Leistungsempfänger. So haben die kleinen Unternehmer dann die gleichen Details zu berücksichtigen wie andere Unternehmen auch.

Rechnungen im Reverse-Charge-Verfahren

Eine Reverse-Charge-Rechnung für Lieferungen darf keine Umsatzsteuer ausweisen. Stattdessen muss sie eindeutige Kennzeichnungen tragen wie

  • „Steuerschuldnerschaft des Leistungsempfängers“
  • oder besser noch englische Formulierungen wie „VAT due to the recipient“
  • beziehungsweise „Recipient is liable for VAT“.

Ersatzweise können aber beim Schreiben der Rechnung auch sinngemäße Formulierungen in der jeweiligen Landessprache der Leistungsempfänger vermerkt werden.

Daneben haben Leistungsersteller regelmäßige Meldungen zu allen Transaktionen beim Bundeszentralamt für Steuern online zu machen.

Umsatzsteuer-Identifikationsnummer – USt-ID

Die Umsatzsteuer-Identifikationsnummer, kurz USt-ID, kennzeichnet EU-weit einzelne Unternehmen. Sie stellt auf Unternehmensebene das europäische Pendant zur persönlichen Steuer-ID dar und sorgt dafür, dass internationale Steuerbehörden grenzüberschreitende Geschäfte einfacher nachvollziehen können.

Bei einer Reverse-Charge-Rechnung sind jeweils die IDs beider beteiligter Parteien zu nennen. Für Partner in Drittländern muss ein „Certificate of Registration“ geführt werden.

Sinn und Vorteile des Reverse Charge

Zunächst konnte das Reverse-Charge-Verfahren vielfachen Steuerbetrug eindämmen. Doch die Vorteile des Verfahrens gehen noch viel weiter und bieten für Unternehmer oder das Finanzamt weitere Verbesserungen:

  • Obwohl es für Unternehmer zunächst einiges zu beachten gilt, entstehen ihnen bald Vorteile, wenn sie viele Geschäfte nicht mehr bei ihren Umsatzsteuervoranmeldungen deklarieren brauchen.
  • Weiter entfällt für die ausländischen Kunden und Leistungsempfänger die Notwendigkeit, sich mit den deutschen Finanzämtern zu beschäftigen, sondern nur noch mit den eigenen.
  • Zuletzt verschwindet für die nationalen Steuerbehörden ein großer Aufwand, weil sie keine Steuerforderungen im Ausland mehr eintreiben müssen.

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